Spätestens seit der Diskussion des so genannten "Masernschutzgesetzes" ist das Thema eines (fehlenden) Masern-Einzelimpfstoffs in Deutschland und der EU in der Mitte der Auseinandersetzung über die Impfpflicht angekommen. So sieht z. B. der Deutsche Ethikrat in der Verfügbarkeit eines solchen Impfstoffs eine Grundvoraussetzung für jede Form einer Impfpflicht (Ethikrat 2019).

Vorbemerkung

Die moderne Masernimpfung ist immer eine Lebendimpfung: verimpft werden also lebende, vermehrungsfähige, aber durch verschiedene Laborverfahren abgeschwächte Masernviren. Obwohl viele der heute international verwendeten Masern-Impfvirus-Stämme letztendlich vom so genannten Edmonston-Impfvirus abstammen, haben sich in verschiedenen Regionen der Welt unterschiedliche Nachfahren dieses Urgroßvaters der Masern-Impfviren durchgesetzt, die sich vor allem in den Methoden der Anzucht und der Abschwächung unterscheiden. In der westlichen Hemisphäre (also auch in Europa) wird überwiegend der so genannte Schwarz-Stamm (SW) eingesetzt, wogegen z.B. in Indien (und auch in Kroatien) Impfviren des Stammes Edmonston-Zagreb (EZ) Verwendung finden (Strebel 2017).

Obgleich als grundsätzlich vergleichbar wirksam angesehen, scheinen sich die Vor- und Nachteile beider Impfstämme zu unterscheiden:

  • so erzeugt der EZ auch schon bei sehr früher Erstimpfung vor dem ersten Geburtstag (und der damit verbundenen möglichen Gegenwart mütterlicher Leih-Antikörper im Serum) schon eine Serokonversion bei den meisten Geimpften. Dadurch wird dieser Impfstoff oft verwendet, wenn eine sehr frühe Erstimpfung notwendig ist und/oder aufgrund einer hohen Prävalenz der Masernerkrankung häufig noch ein länger anhaltender Nestschutz anzunehmen ist. Die mit EZ erreichten Antikörper-Titer sind jedoch in der Regel niedriger, als die mit SW erzielten.

  • SW erzeugt höhere Antikörper-Spiegel, vor allem in Abwesenheit mütterlicher Leih-Titer und wird daher in Regionen verwendet, in denen die Erstimpfung nach dem ersten Geburtstag erfolgt und die Masern-Erkrankungshäufigkeit eher niedrig ist (Martins 2013, Bennett 1999).

  • Zusammengefasst erzeugt EZ also häufiger eine Serokonversion nach der Impfung (also das messbare Entstehen einer Immunität), führt dabei aber zu insgesamt niedrigeren Antikörper-Titern (Hussey 1996).

Auch bei der Bestimmung der Masern-Antikörper (egal ob nach Impfung oder nach durchgemachter Erkrankung) lassen sich mindestens zwei relevante Testverfahren unterscheiden:

  • der so genannte Plaque Reduction Neutralisation Test (PRNT)

  • und der so genannten Enzyme-Linked Immunosorbent Assay (ELISA).

Der PRNT gilt international als "Goldstandard", misst er doch unmittelbar die für die humorale Immunität (s. hier) letztendlich entscheidenden neutralisierenden Antikörper (Korrelat der humoralen Immunität). Er ist aber technisch, zeitlich und apparativ sehr aufwändig und arbeitet darüber hinaus mit lebenden Masernviren, wodurch eine Standardisierung zwischen verschiedenen Labors  schwierig ist (Cohen 2008).

Der ELISA ist im Vergleich zum PRNT schneller, kostengünstiger, automatisierbar und leichter zu standardisieren, weshalb er sich in den letzten Jahren in den meisten europäischen Labors als Standardmethode der Antikörperbestimmung (nicht nur bei Masern) durchgesetzt hat. Er ist aber bekanntermaßen weniger sensitiv, das heißt: er entdeckt eine bestehende Immunität weniger zuverlässig als der PRNT, weil die gemessenen IgG-Antikörper nicht unmittelbar mit der tatsächlichen Immunität korrelieren, sie sind "nur" ein so genanntes Surrogat der Immunität (s. hier). Mit anderen Worten: zeigt der ELISA nach einer Masernimpfung keinen sicheren Schutz, lässt sich bei einem nicht kleinen Anteil der Geimpften mit dem PNRT doch noch eine Immunität nachweisen (dieses Phänomen beschreibt man mit dem Begriff des negativ prädiktiven Wertes NPW: bei wieviel im ELISA test-negativen Menschen lassen sich auch im PRNT keine Antikörper finden). Quantitative Vergleiche von ELISA und PNRT bei Masern-Antikörpertitern fanden teilweise NPWs von unter 50%, d.h. mehr als die Hälfte der im ELISA vermeintlich "Nicht-Immunen" erweist sich im PNRT als dennoch immun (Cohen 2008, Mancuso 2008).

Situation in Deutschland und der EU

Alle derzeit in Deutschland und der EU zugelassenen Masernimpfstoffe

  • sind Teil eines Kombinationsimpfstoffs von Masern/Mumps/Röteln oder Masern/Mumps/Röteln/Windpocken

  • enthalten den Masern-Impfstamm Schwarz.

Bis April 2018 war in der EU der Masern-Einzelimpfstoff Rouvax® der Firma Sanofi zugelassen (in Deutschland unter dem Namen Masern Mérieux® auf dem Markt), dessen Produktion im Sommer 2017 eingestellt wurde; letzte Chargen auf dem Markt verfielen mit Datum April 2018.

Seitdem ist in der EU kein Masern-Einzelimpfstoff mehr zugelassen.

In der Schweiz ist derzeit der Impfstoff Measles Vaccine live® des Serum Institute of India zugelassen und verfügbar, der den in Indien üblichen Impf-Stamm Edmonston-Zagreb verwendet.

Besonderheiten der Verwendung von Measles Vaccine live®

Verwendet man nun Measles Vaccine live® für eine Masern-Grundimmunisierung in Deutschland, gilt es, mehrere kritische Punkte zu bedenken:

  1. Der Impfstoff hat in Deutschland weder eine Zulassung, noch eine Impfempfehlung - damit ist seine Verwendung rechtlich zwar ausdrücklich erlaubt, im Falle eines Impfschadens scheidet eine Regulierung nach deutschem Impfschadensrecht jedoch von vorne herein aus.

  2. Trotz international üblicher Verwendung dieses Impfstoffs bestehen zu Wirksamkeit und Sicherheit unter europäischen Bedingungen wenig Erfahrungen.

  3. Die (begrenzte) Erfahrung mit diesem Impfstoff bestätigt die oben ausgeführten Fakten zur Besonderheit der Antikörper-Bestimmung: die auf den in Europa üblichen Schwarz-Stamm kalibrierten, flächendeckend in den europäischen Labors verwendeten ELISA-Verfahren finden nach Impfung mit diesem Impfstoff häufig keine als sicher angesehenen Antikörper-Titer. Diese seien - so der Hersteller in persönlicher Kommunikation - mit dem PRNT jedoch zuverlässig nachweisbar: In einer mit diesem Impfstoff durchgeführten indischen Studie aus dem Jahr 2015 zeigte sich, dass die allermeisten positiven Ergebnisse im ELISA-Test sich im PRNT bestätigen ließen (96%, so genannter positiv prädiktiver Wert PPW), der so genannte negativ prädiktive Wert (NPW) des ELISA verglichen mit dem PRNT aber bei nur 69% lag, d.h. 31% der Proben, die im ELISA als negativ ausfielen, also keine Schutzwirkung annehmen ließen, zeigten in der Kontrolle mit dem PRNT dann doch eine Serokonversion, also Impfschutz (Low 2015). Es bleibt die technische Hürde, dass z.B. in Süddeutschland nur ein einziges größeres Labor (Labor Enders, Stuttgar) einen PRNT bei Masern überhaupt anbietet (zum etwa doppelten Preis des üblichen ELISA, s.o.). Die eigentlich sinnvolle Strategie, nach einer Masernimpfung ab dem zweiten Lebensjahr die fast immer entstehende Immunität durch eine Blutentnahme nachweisen zu lassen, gestaltet sich hier schwierig.

  4. Unmöglich ist, nach dieser Einzelimpfung, im (sinnvoll) späteren Kindesalter Mumps und Röteln gezielt einzeln nachzuimpfen: hier sind schon länger keine Einzelimpfstoffe mehr auf dem Markt. Daher muss eine eventuell gewünschte Mumps- oder Röteln-Impfung zur Pubertät dann ohnehin mit einem MMR-Impfstoff erfolgen.

  5. Offen ist, ob der Nachweis einer zweimaligen Masernimpfung mit Measles Vaccine live® ohne Titerbestimmung juristisch tragfähig ist im Sinne des so genannten Masernschutzgesetzes - es handelt sich immerhin um einen in Deutschland für die Maserimpfung nicht zugelassenen Impfstoff.

Nicht nur unter dem Aspekt einer möglichen Impfpflicht ist der Forderung des Deutschen Ethikrates, nach einem zugelassen, verfügbaren Maserneinzelimpfstoff uneingeschränkt zuzustimmen.

Literatur

Bennett JV. 1999. Pediatrics. 104(5):1123–1123

Cohen BJ. 2008. Vaccine. 26(50):6392–97

Ethikrat. 2019. Stellungnahme Impfen als Pflicht?. Berlin 2019. Abruf 27.06.2019

Hussey GD. 1996. Journal of Infectious Diseases. 173(6):1320–26

Low N. 2015. N Engl J Med. 372(16):1519–29

Mancuso JD. 2008. Vaccine. 26(38):4877–78

Martins C. 2013. Vaccine. 31(48):5766–71

Strebel PM. Measles Vaccines in Plotkin S. Plotkin's Vaccines 7th ed. Philadelphia 201